Warum die Kritik an BVB-Boss Sebastian Kehl maßlos überzogen ist

DORTMUND, GERMANY - AUGUST 26: Sebastian Kehl, Head of the Licensing Player Department looks on prior to the Bundesliga match between Borussia Dortmund and RB Leipzig at Signal Iduna Park on August 26, 2018 in Dortmund, Germany. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)
Sebastian Kehl – an ihm Scheiden sich die Geister. In den vergangenen Tagen wurde der Sportdirektor des BVB von den Fans auf X und Co. durchs Dorf getrieben wie Obelix die Wildscheine durch den Wald gescheucht hat. Der Vorwurf: Kehl ist ein schlechter Sportdirektor. Doch dieses Narrativ entspricht nicht der Wahrheit. GroßGesagt – die Kolumne von Fussballdaten-Autor Marcel Groß.
Der Fall Kehl: Die Vorwürfe
Die Akte Sebastian Kehl reicht beim BVB weit zurück, doch anstelle seine herausragenden Leistungen als Spieler zu beleuchten umfasst diese Analyse die Taten von Sebastian Kehl als Sportdirektor von Borussia Dortmund. Was sind die harten Fakten? Sebastian Kehl ist seit Sommer 2022 der alleinige Sportdirektor beim BVB. Seither har er … Spieler transferiert – sowohl gekauft als auch verkauft.
Die Vorwürfe in den sozialen Medien sind die, dass Kehl keine Spieler verpflichten würde, umkreative Transfers machen würde, zu viel Geld ausgeben und dafür nur Durchschnittsspieler verpflichten würde. Zudem seien schlechte Deals wie der von Aaron Anselmino beim BVB an der Tagesordnung.
Dieses Argument lässt sich schnell entkräften, denn aufmerksamen Fußball-Fans fällt auf, dass in praktisch jeder Leihe der abgebende Verein die Möglichkeit hat, einen Spieler vorzeitig zurückzuholen. So hatten die Schwarzgelben von selbiger Regelung eins bei Salih Özcan oder Sebastien Haller profitiert.
Michael Zorc im Duell gegen Sebastian Kehl
Michael Zorc war Kehls Vorgänger als Sportdirektor beim BVB. In seiner Amtszeit hatte er insgesamt 282 Spieler transferiert. Dabei hat er 832,15 Millionen Euro ausgegeben und 948,70 Millionen Euro eingenommen. Daraus ergibt sich ein Transferplus von 116,55 Millionen Euro. Im Durchschnitt hat der ehemalige Sportdirektor für jeden Spieler 7,23 Millionen Euro ausgegeben und für jeden verkauften Spieler 5,68 Millionen Euro erhalten.
Bei Sebastian Kehl sieht diese Statistik ein wenig anders aus. Der aktuelle Sportdirektor des BVB hat in seiner bisherigen Amtszeit bislang 83 Transfers getätigt, wenn man den bevorstehenden Wechsel von Kaua Prates zu den Schwarzgelben im Sommer mitzählt. Dabei hat er insgesamt 379,05 Millionen Euro ausgegeben und 354,20 Millionen Euro eingenommen. Ein Verlustgeschäft. Rechnet man allerdings die Abgänge von Nico Schlotterbeck und Karim Adeyemi, welche im Sommer passieren könnten, in diese Statistik ein, wendet sich das Blatt. Wenn der BVB das Duo für die in den Medien spekulierten 110 Millionen Euro abgibt, hätte Kehl den Dortmundern insgesamt 464,20 Millionen Euro erwirtschaftet. Daraus ergibt sich dann ein Transferplus von 85 Millionen Euro. Im Durchschnitt hätte Kehl dann für jeden Spieler 10,83 Millionen Euro ausgegeben und 9,28 Millionen Euro eingenommen.
„Kehl verpflichtet nur Durchschnittsspieler“ – ein falscher Mythos
Eine detaillierte Analyse aller Transfers von Sebastian Kehl beim BVB würde an dieser Stelle zu lange dauern. Deswegen richtet sich der Blick auf einige ausgewählte Spieler, welche der Sportdirektor nach Dortmund geholt hat. Schaut man alleine auf den ersten Transfersommer von Kehl bei den Schwarzgelben, lässt sich aus BVB-Sicht eigentlich wenig meckern.
Ein Karim Adeyemi wurde als aufstrebendes Talent für 30 Millionen Euro verpflichtet. Auch wenn er Leistungsschwankungen in seinem Spiel hatte, hat er seinen Marktwert nun auf 65,5 Millionen Euro gesteigert. Nico Schlotterbeck hat sich in der Zwischenzeit zu dem wohl besten deutschen Innenverteidiger entwickelt und ist in Europa heiß begehrt. Sein Marktwert beträgt nun 55,3 Millionen Euro – verpflichtet wurde er für nicht einmal die Hälfte.
Das wohl größte Transferminus in der bisherigen Amtszeit von Sebastian Kehl hat er wohl mit Sebastien Haller gemacht. Der Stürmer kam im Sommer als einer der ersten Transfers von dem damals neuen Sportdirektor nach Dortmund und fiel dann aufgrund seiner Krebserkrankung monatelang aus. Auch nach seinem Comeback konnte er nicht an die alten Leistungen anknüpfen, weshalb er schlussendlich im vergangenen Sommer ablösefrei (und damit mit einem Verlust von 31 Millionen Euro) zu Utrecht gewechselt ist.
Die Kehl-Transfers: Ein kritischer Blick
In den folgenden beiden Jahren hat Kehl mit Spielern wie Felix Nmecha oder Yan Couto Spieler verpflichtet, welche zwar etwas Zeit benötigten, aber nun zu den besten Spielern im Kader gehören. Andere Akteure wie beispielsweise Ramy Bensebaini, Marcel Sabitzer, Waldemar Anton oder Daniel Svensson erfüllen ihre Aufgaben zumeist souverän. Zudem ist ein Serhou Guirassy in der vergangenen Saison der beste Torschütze in der Champions League gewesen – wie will man dabei von einem Flop sprechen?
Die dritte Kategorie der von Kehl verpflichteten Spieler sind die, die noch etwas Zeit benötigen. Hier fallen zum Beispiel mit Jobe Bellingham, Fabio Silva oder Carney Chukwuemeka die drei Top-Transfers aus dem Sommer 2025 rein, für deren Bewertungen es nach sechs Monaten noch viel zu früh ist. Allerdings muss in dieser Riege auch ein Maximilian Beier genannt werden, der trotz seiner zehn Scorer in dieser Saison immer noch unter seinen Möglichkeiten bliebt. Dennoch hat er mit seinem aktuellen Marktwert in Höhe von 51,9 Millionen Euro seinen Einkaufspreis (28,50 Millionen Euro) fast verdoppelt.
Und ja: Nicht alle Transfers von Kehl sind eingeschlagen. Anthony Modeste (der allerdings der ausdrückliche Wunschspieler von Edin Terzic gewesen war), ein Salih Özcan oder Niklas Süle sind allesamt weit unter ihren Erwartungen zurück geblieben.
Kehl ist ein Verkaufsmeister
Manuel Akanji mit einem Jahr Restvertrag für 20 Millionen Euro, Niclas Füllkrug nach nur einer Saison mit einem Transferplus von zehn Millionen Euro oder auch einen Donyell Malen für 25 Millionen Euro abzugeben, hat dem BVB gutes Geld in die Kassen gespült. Zudem kommen unerwartete Transfereinnahmen von Akteuren wie Soumaïla Coulibaly (7,5 Millionen Euro), Youssoufa Moukoko (fünf Millionen Euro) oder Giovanni Reyna (vier Millionen Euro) hinzu.
Wenn Trainer nicht zum Sportdirektor passen
In den vergangenen Jahren wurde der BVB medial mit einigen Spielern in Verbindung gebracht. Einige, wie beispielsweise ein Rayan Cherki, hatte der BVB nicht bekommen – aus unterschiedlichen Gründen. Auch wenn Sebastian Kehl am Ende für die Transfers verantwortlich ist, so hat er nicht den Schlüssel zum Geldspeicher in Dortmund in der Hand. Wenn ein Hans-Joachim Watzke, Lars Ricken oder Carsten Cramer ein bestimmtes Budget festlegen, dann kann Kehl dieses nicht überziehen. Und wenn der abgebende Verein sich dieser Summe nicht anpasst, was kann dann der Sportdirektor dafür? Wenn ein Trainer wie Niko Kovac ein klares System ohne Flügelspieler spielt, wofür soll Kehl dann Millionen von Euro ausgeben für Spieler, für welche der Trainer keinen Bedarf hat? Am Ende würden dann wirkliche Baustellen im Kader nicht geschlossen werden.
Wenn ein Spieler nicht zu einem Verein wechselt, kann das allerdings noch weitere Gründe haben. Zum Beispiel die persönlichen Rahmenbedingungen. Die Bundesliga hat weniger Flair als die Premier League. Die Stadt Dortmund ist weniger attraktiv als andere große Metropolen in Europa. Der BVB kann weniger Gehalt bezahlen als beispielsweise RB Leipzig oder Bayer Leverkusen – zumindest wenn die Klubs mit den großen Sponsoren im Hintergrund das wollen. Und nicht immer sehen jüngere Talente Borussia Dortmund als nächsten Entwicklungsschritt. Nicht immer ist auch der Verein, der ein Talent zuerst entdeckt auch der Verein, der am Ende die Zusage vom Spieler bekommt. Manchmal legt auch ein Trainer ein Transfer-Veto ein. Es ist nicht immer alles schwarz und weiß.
Fazit: Kehl ist besser als ihn alle machen
Wirtschaftlich sind die Einnahmen und Ausgaben von Sebastian Kehl in einem grünen Bereich. Auch die Qualität der eingekauften Spieler stimmte – zumindest bevor sie das BVB-Trikot angezogen haben. Auf dieser Basis werden Entscheidungen getroffen und die Spieler verpflichtet. Was danach passiert, liegt nicht mehr in Kehls Hand. Das einzige was unter Sebastian Kehl bislang fehlt, sind Titel. ABER: Mit seinem Kader, hat der BVB am Ende nur um haaresbreite die deutsche Meisterschaft verpasst. Mit seinem Kader haben es die Dortmunder ins Champions-League-Finale geschafft. Und auch in dieser Saison ist nach der Niederlage der Bayern gegen Augsburg trotz acht Punkten Rückstand plötzlich wieder eine Minitür offen, doch noch einmal ins Rennen um die Meisterschaft einzugreifen. Sebastian Kehl hat für seine Arbeit mehr Anerkennung verdient. Mit dem richtigen Trainer und zwei bis drei weiteren, guten Transfers, werden auch die Trophäenl nach Dortmund zurückkommen – mit Sebastian Kehl als Titel-Architekt.



