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Kommentar: Wenn Löw sich nicht neu erfindet, ist er der falsche Mann

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Nach der völlig verkorksten WM sollte das wegweisende Nations-League-Spiel gegen die Niederlande für die deutsche Nationalelf zum Brustlöser werden – es wurde ein demoralisierendes Déjà-vu. Bei der niederschmetternden 0:3-Niederlage in Amsterdam knüpfte die Mannschaft von Joachim Löw nahtlos an die verstörenden Auftritte in Russland an, einmal mehr konnten die etablierten Ex-Weltmeister das Vertrauen des Bundestrainers nicht rechtfertigen. Da von dem angekündigten Neustart ebenso wenig zu erkennen ist wie von einem personellen Umbruch, nimmt der Druck auf Löw wieder zu.

Untergang in der Schlussphase

In einem solchen echten Umbruch befinden sich derzeit die Niederlande mit ihrem Bondscoach Ronald Koeman, umso gravierender ist dieser Misserfolg nun einzuordnen. Gegen die Elftal, die sowohl die EM 2016 als auch die WM 2018 verpasst hatte, die derzeit folglich sicherlich nicht zu den Top-Teams Europas gehört, gegen diese Truppe begann die deutsche Mannschaft ordentlich – um ab der 80. Minute komplett auseinanderzubrechen.

Einem runderneuerten Nationalteam würde man das vielleicht nachsehen, wie erwartet setzte Löw aber auf seinen erfahrenen wie formschwachen Bayern-Block. Manuel Neuer stand im Tor, Thronfolger Marc-André ter Stegen saß hingegen erneut nur auf der Bank. Im Abwehrzentrum bekamen Mats Hummels und Jerome Boateng den Vorzug vor ihrem jüngeren Vereinskollegen Niklas Süle. Mit seiner Verletzungsanfälligkeit steht der 30-jährige Boateng mittlerweile exemplarisch für eine einst so mitreißende Generation, die scheinbar ausgedient hat – und den eigenen Ansprüchen nicht erst seit ein paar Wochen hinterherhinkt.

Neuer patzt, Kroos lethargisch, Müller kläglich

Außen verteidigten Mathias Ginter und Jonas Hector, deren Offensivaktionen meist verpufften. Im Mittelfeld begann der engagierte Joshua Kimmich neben einem phlegmatischen Toni Kroos und dem nachnominierten Emre Can. Mark Uth war bei seinem Debüt bemüht aber wirkungslos und bildete mit Thomas Müller und Timo Werner die Sturmreihe. Kein Julian Brandt also, auch kein Serge Gnabry  – und wieder kein Leroy Sané. Sie alle kamen nur als Joker oder gar nicht zum Einsatz. Obwohl der Kader aufgrund von Verletztungsabsagen ausgedünnt ist, setzt Löw bei Nominierung und Aufstellung weiterhin fast ausschließlich auf Altbewährtes. Belohnt wird er für seine Sturheit nicht.

Neuer etwa leistete sich vor dem 0:1-Rückstand einen groben Patzer. Bevor Virgil van Dijk den Gastgeber in der 30. Minute nach einem Eckball per Kopfball in Führung brachte, hatten die Zuschauer allerdings ein ausgeglichenes Spiel gesehen. Werner (15.) und Müller (18.) vergaben zuvor gute Chancen, mangelnde Effektivität bleibt jedoch ein stetiger Begleiter des Ex-Weltmeisters. Mit der Führung im Rücken wurde Oranje stärker und kam seinerseits zu Möglichkeiten, Deutschland wirkte vor der Pause angeknockt.

Löw scheint die falsche Schlüsse gezogen zu haben

In der zweiten Halbzeit spielte Löws Elf über weite Strecken durchaus gefällig. In der 57. Minute wurden der glücklose Müller und Can, lange einer der wenigen Lichtblicke, durch Julian Draxler und Sané ersetzt. Ihre Einwechslungen machten sich positiv bemerkbar, beide suchten häufig das Risiko. Sané hatte in der 65. Minute ebenso wie Draxler fünf Minuten später das 1:1 auf dem Fuß – Deutschland war am Drücker. Mit zunehmender Spieldauer häuften sich aber die Kontersituationen für die Elftal, die diese jedoch ein ums andere mal schlecht ausspielten. In der 87. Minute war es aber schließlich soweit und Memphis Depay erzielte das 2:0, ehe Giorgio Wijnaldum in der Nachspielzeit endgültig den Deckel draufmachte.

Löws Schützlinge präsentierten sich in der Schlussphase erschreckend kopflos, völlig saft- und kraftlos, total indisponiert und gingen folglich ohne Gegenwehr unter. Die umstrittenen Ex-Weltmeister, die vorangehen sollen und müssen, schienen letztlich mehr mit sich selbst beschäftigt zu sein. Es stellt sich die Frage, wie man so am Dienstag in Frankreich den Turn-Around schaffen will. Als Spiegelbild ihres Trainers erscheint einem aktuell auch das Gros der Mannschaft – ohne Überzeugung, ausgelaugt und ideenlos. Es braucht frischen Wind und mehr unverbrauchte Gesichter. Tatsächlich jeder Stein muss umgedreht, sämtliche Routiniers dem Leistungsprinzip entsprechend konsequent in Frage gestellt werden. Ist der derzeit konzeptlos wirkende Löw wirklich der richtige Mann für den dringend benötigten Neuaufbau einer konkurrenzfähigen deutschen Nationalmannschaft? In Amsterdam sind die Zweifel daran wieder ein bedeutendes Stück größer geworden.

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