Nationalmannschaft

Max Kruse und die DFB-Elf – Wie realistisch ist sein Comeback wirklich?

„Wir brauchen Spieler, die fokussiert und konzentriert und sich auch ihrer Vorbildrolle bewusst sind“, sagte Bundestrainer Joachim Löw 2016. Es war sein abschließendes Statement nach dem Rauswurf von Max Kruse. Damals stand der inzwischen 30-Jährige beim VfL Wolfsburg unter Vertrag. Die Streichung war Löws Konsequenz aus mehreren öffentlichen Fehltritten, die Kruse abseits des Platzes in den Fokus der Medien brachten. Jetzt werden Stimmen lauter, die eine Rückkehr des Kapitäns von Werder Bremen in die Nationalelf fordern. Kruse knüpft nahtlos an die letzte Saison an und ruft überragende Leistungen für die Bremer Mannschaft ab. Er füllt die Vorbildrolle bei Werder Bremen nicht nur brilliant, sondern auch voll fokussiert aus. Doch ist eine Rückkehr im Trikot der Nationalmannschaft realistisch?

Max Kruse: Vom Narr der Medien zum erwachsenen Leistungsträger

Die Fehltritte des Max Kruse sind zur Genüge bekannt. Bei einem Besuch in Berlin lies der gebürtige Reinbeker 75.000 € in einem Taxi liegen. Am Rande seines Geburtstags soll er zudem in der Hauptstadt einer „BILD“-Reporterin ihr Handy, mit dem sie ihn heimlich gefilmt hatte, abgenommen, die dokumentierten Inhalte gelöscht und seine Meinung recht deutlich mitgeteilt haben. Nebenbei gab es einige fragwürdige Ereignisse rund um die Personalie Kruse. Neben einigen anzüglichen Videos, die im Netz kursierten, und unerlaubtem Damenbesuch im Nationaltrainingslager, fiel Kruse oft mit seiner Leidenschaft für das Pokerspiel und schnelle Autos auf. Löw reagiert 2016 vor der EM mit dem Rausschmiss auf die öffentlichen Entgleisungen in Berlin.

Gleichzeitig schwärmen Funktionäre und Mitspieler von ihm auf und abseits des Platzes. Sportlich führt er Werder Bremen seit fast drei Jahren als Leistungsträger und mittlerweile Kapitän an. Seine eigens ausgelegte Rolle als Offensivallrounder, der auf einmalige Art und Weise Aufbau, Mittelfeld und Sturm miteinander verknüpft, macht ihn zum „Unterschiedspieler“. Seine Leistungen für Werder (vier Tore in den letzten drei Spielen) sind kaum hoch genug zu loben. Zweikampfstärke, Mentalität und Ballsicherheit kombiniert mit einem eiskalten Riecher für das gegnerische Tor ergeben das Bild eines perfekten Mittelstürmers. Was Kruse an Tempo fehlt, macht er mit Spielintelligenz wett.

Neben den sportlichen Aspekten scheint Kruse inzwischen auch fern des Platzes zu punkten. Nuri Sahin sagte nach seinem Wechsel an die Weser, der wohl maßgeblich durch Kruses Einfluss zustande kam: „Max ist der einzige Bundesligaspieler, der jeden persönlich kennt.“ Kruses Mischung aus modernem Fußball und der etwas veralteten Tradition sich der Oberflächlichkeit des Fussballgeschäfts zu entziehen und persönliche Kontakte zu Weggefährten und Mitspielern zu wahren, scheinen ihn als Mensch zu definieren. Er präsentiert sich selbstsicher, seine Aussagen sind überlegt. Man könnte sagen, Kruse ist erwachsen geworden. 

Umbruch beim DFB nimmt Form an – Der Sturm bleibt unterbesetzt

Doch wie realistisch ist eine Rückkehr in das Nationalteam? Vieles sprach schon die letzten Jahre, bei den Diskussionen um einen fehlenden Mittelstürmer im DFB-Team, für eine Rückkehr von Kruse. Derzeit macht Löw ernst: Der Umbruch, der sich nach der katastrophalen Weltmeisterschaft zunächst für viele zu schleichend zeigte, wird nun vollzogen. Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng spielen zunächst nicht mehr für die DFB-Auswahl. Es ist keine Verbannung, eher eine kommunizierte Umsetzung der Neuausrichtung. Die nächste Generation soll nun die Geschicke leiten. Julian Brandt, Leroy Sané, Kai Havertz, Niklas Stark, Leon Goretzka und natürlich Timo Werner sind nur einige Namen, die für die spielfreudige Zukunft der Nationalmannschaft stehen.

Doch während Mittelfeld, Innenverteidigung und Außenbahn vor erfahrenen wie neuen Nationalspielern nur so strotzen, bleibt neben der Außenverteidigung das alte Problem: Wo ist die Auswahl an Mittelstürmern? Das Timo Werner der legitime Nachfolger vieler großer Namen im Sturm sein wird, bezweifelt mittlerweile wohl niemand mehr. Auf Außen, wo Löw ihn oft positionierte, wird er zukünftig wohl weniger Einsatzzeiten bekommen. Doch um den Generationswandel in der Nationalmannschaft perfekt umzusetzen, um Variabilität zu bekommen und um die Erfahrung der Älteren mit der Spitzigkeit der jungen Spieler zu vereinen braucht es eine Doppelbesetzung auf dieser Position. Und diese am Besten durch einen erfahrenen Stürmer neben Werner. Die Antwort lautet für viele: Max Kruse.

Petersen und Uth kein Thema mehr – Wer stürmt als Werner-Backup?

Tatsächlich fehlen bei der Suche nach dem „Backup-Stürmer“ des Leipzigers Werner die klaren Alternativen. Das Kapitel Nationalmannschaft dürfte im Falle von Mark Uth, Nils Petersen und Mario Gomez voraussichtlich beendet sein. Johannes Eggestein, Fiete Arp oder Janni Serra sind noch lange nicht bereit für die Berufung. Die einzigen recht offensichtlichen Alternativen neben Max Kruse könnten Davie Selke von Hertha BSC und Kevin Volland von Bayer 04 Leverkusen sein. Selke dürfte in Zukunft durchaus in den Interessenbereich der Nationalmannschaft rücken, weist jedoch noch nicht die Erfahrung auf, die für die Umbruchszeit benötigt wird. Kevin Volland passt spielerisch nicht wirklich in das Löw-System, zumindest nicht so wie es beispielsweise ein Max Kruse tun würde. Kruse ist in gewissem Maße die logische sportliche Wahl. Aktuelle und bisherige Leistungen, Erfahrung und Torgefahr würden den Bremer zu einer optimalen Ergänzung für die DFB-Elf machen. 

PR-Arbeit des DFB wird zur Krisenverarbeitung – Korrektheit, Stillschweigen und keine Einrede

Doch Löws klare Statements in jüngster Zeit, das Festhalten an Korrektheit und Fehlerlosigkeit in der Öffentlichkeit sowie die Erwartung an die Spieler grenzenlose Loyalität zur Mannschaft zu verkörpern, dürften den „Kruse-Rufen“ Einhalt gebieten. In der sensiblen Phase des Umbruchs und dem eher mittelmäßigem Abschneiden in der Nations League ist Aufruhr und öffentliche Beteiligung das Letzte, was Löw möchte. Der DFB wird fürchten, man könnte es ihm als Schwäche auslegen, wenn er den öffentlichen Stimmen folgt und Kruse begnadigt. Zumindest würde diese Haltung in die bisherige Handhabung des Nachhalls der WM passen.

Löw möchte Ordnung und Ruhe beim Umbau. Das ist eine verständliche Forderung und sicherlich eine solide Arbeitsgrundlage. Diskussionen und Meinungsaustausch rund um die Fehltritte von Max Kruse würden das Gegenteil bringen. Der DFB möchte keine Angriffsfläche bieten, keine Schwäche zeigen. Löw ist bekannt für die vorsichtige Wortwahl, gerade wenn es darum geht Spielern die Möglichkeiten zu lassen nach Nicht-Nominierung wieder zurückzukommen. Die Wortwahl in der Causa Kruse war deutlich. Endgültig möchte man sagen. 

Was Andere verzeihen, vergisst der DFB noch lange nicht

Es passt kaum in die PR-Arbeit des DFB öffentliche Fehltritte dieser Art zu verzeihen. Mit der antizipierten Rückkehr von Mario Götze und dem erstarkten Allrounder Reus gibt es zudem Alternativen für die Stürmerposition, sollte es zum Engpass kommen. Übergangslösungen, die nur einen Schluss zulassen: Die derzeit beste Wahl wäre Max Kruse. Es ist jedoch auch die Unwahrscheinlichste.